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Joseph Beuys und die Soziale Kunst

"Ich bin das Bauwerk", ist der abschließende Grundsatz der Sozialen Kunst. Hier erlebt der Mensch die Weisheit des Alters, die Selbstreflexion und die Bewusstwerdung der Idee des Menschen. Er stellt fest, dass er der Gestalter und das eigene Bauwerk selbst ist.
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AlexanderK
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Joseph Beuys und die Soziale Kunst

Beitrag von AlexanderK »

Wenn man das Thema der Sozialen Kunst aufgreifen will, kommt man nicht an einem Menschen vorbei, der diesen Begriff sinngemäß sehr stark geprägt hat. Eine recht lange Zeit kam mir diese Person geradezu als ein Gegenspieler der Sozialen Kunst vor. Nach der intensiveren Beschäftigung mit ihm, kommt mir sein grundsätzliches Bestreben, so wie ich es begreife, jedoch sehr entgegen. Dabei musste ich allerdings seine Anhänger und fast den ganzen um ihn entstandenen Raum, sowie seine eigenen recht problemhaften Charakterelemente außer Acht lassen. Joseph Beuys ist ganz gewiss ein Phänomen der Zeitgeschichte. Man kann ihn mögen oder nicht, für beides gibt es Gründe, klar ist jedoch, dass er die Kunstwelt der Nachkriegszeit massiv beeinflusst hat. Doch wie steht es um sein Verständnis der Sozialen Kunst?

Seine Idee der Sozialen Kunst, die tendenziell mit meinen eigenen Gedanken dazu übereinstimmt, ist fortwährend in einem Keimzustand geblieben. Während die Anhänger auf die bewusst provokativen Aktionen geschaut haben und seine Kunstobjekte als den Inhalt seiner Kunst betrachtet haben, blieb die wirkliche Idee dahinter verborgen.

Der Begriff der Kunst im Sozialen ist im Grunde alles, was von Beuys in der öffentlichen Wahrnehmung und in den einschlägigen Kunstkreisen übrig geblieben ist. Die große Idee der Sozialen Kunst, als erlernbaren Möglichkeit der Gestaltung des sozialen Raumes, die nichts mehr mit den bisher bekannten und praktizierten Künsten zu tun hat, ging im Rampenlicht der Sensations- und Provokationslust verloren. Alle starrten auf das damalige Geschehen wie auf einen Unfall, der sie aus welchen persönlichen Gründen auch immer fasziniert hat. Über die derartige Faszination schaffte die Kunstszene nicht hinaus, sie wurde noch mehr zur selbstbefriedigenden Industrie und konnte den Gedanken an eine Soziale Kunst, statt der Kunst im Sozialen nicht fassen. Doch Joseph Beuys soll nicht zu einem Propheten stilisiert werden. Ich vertrete den Standpunkt, dass sein Wirken nur in Anbetracht dreier Faktoren begriffen werden kann.
  • Seine Idee der Sozialen Kunst und ihr Scheitern stehen nicht alleine für sich da, sondern sie werden von dem Symptom der Gesellschaft begleitet, welcher sich im Wirken von Beuys offenbart. Dieses Symptom zeigt den Aufschrei gegen eine bürokratisierte und entmenschlichte Gesellschaft, die reflexionslos in die weitere Konsum-, Schein- und Spaßzukunft hineinsegelt, ohne dabei ernsthaft an die Gestaltung eines menschengerechten Sozialen zu denken, ohne dabei überhaupt an den Menschen an sich zu denken. Es ist also nicht nur Beuys, der sich eher affektiv dagegenstemmen will, sondern die unbewussten Kräfte der ganzen Gesellschaft! Beuys war also, wie vermutlich auch Nietzsche auf seinem Bereich, Symptom seiner Zeit.
  • Außer der gesellschafts-symptomatischen Wirkung darf aber die ganz persönliche Ebene nicht vergessen werden. Diese war bei Beuys recht problematisch: sein Geltungsdrang, seine Selbstdarstellung, seine traumatische Vergangenheit, die von der in irgendeinem Sinne begeisterten Zeit des Nationalsozialismus bis zum Flugzeugabsturz auf der Krim ihre Schatten vorauswirft. Wie mehr oder weniger jeder Mensch hatte Beuys also eine gewisse 'charakterliche Krankheit', unreflektierte Problematik, die um sich schlägt und bis zur psychischen Pathologie führen kann.
  • Durch diese persönliche Krankheit und das gesamtgesellschaftliche Symptom der Zeit versucht die Idee der Sozialen Kunst hindurchzufließen. Bei diesen Widerständen und affektiven Ausbrüchen kann diese Idee allerdings nur in einer verschleierten Andeutung erscheinen. Diejenigen, die sie in ihrer geistigen Reinform erahnen können, verstehen, dass sich dort etwas durchbrechen wollte, was unsere Gesellschaft bitter nötig hat!
Diese drei Faktoren des Beuys-Phänomens: gesellschaftliches Symptom, persönliche Charakterkrankheit und die Idee an sich können im Sinne einer grundsätzlichen Ideenverwirklichung innerhalb des sozialen Raums folgendermaßen erfasst werden:

Eine Idee, aus dem Bereich des Geistes kommend, lebt zwangsläufig vorerst unbewusst in den gesellschaftlichen Massen und bildet gewisse Trends oder auch revolutionäre und sonstige Impulse. Somit entstehen symptomatische Gesellschaftserscheinungen, die sicherlich auch geschichtliche und soziologische Erklärungen finden, die aber dennoch aus der geistig tätigen Ebene der Ideen bewegt werden. Solche meist unbewussten Gruppenerscheinungen können von Menschen erfasst werden. Dabei betritt eine Idee den Bereich der menschlichen Person. Sie will durch ihr Selbst, durch ihre Gewohnheiten, ihr Denken, Fühlen und Wollen, zum sozialen Umfeld als möglichst bewusst ergriffener Inhalt hindurchklingen. Will man also vom Menschen aus zu 'seiner' Idee kommen, muss man durch sein meist schattenhaftes Selbst, über die Gesellschaft hinaus sich zur Idee durchringen. Will man den Weg der Idee verfolgen, muss man sie in den Wogen der Gesellschaft suchen und sie dann in dem einzelnen Selbst, in einer meist verzerrten Form, erblicken.
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